Sanierungsgebiet Gassenquartier – eine neue Chance für Dagersheim

01.06.20 von Tim Göhner

Dagersheim mit seiner über neunhundertjährigen Geschichte ist Böblingens ältester Stadtteil. Dagersheim wurde im Jahr 1075 das erste Mal urkundlich erwähnt und wurde als Siedlung entlang der Via Rheni (Rheinstraße) gegründet. Sie führte vom Rheinland über die Schwäbische Alb nach Oberschwaben und weiter über die Alpen nach Italien. In Dagersheim querte sie mit einer Furt die Schwippe. An den Ufern der Schwippe entstanden Gassen und Häuser. Die Gassen am südlichen Ufer, die Grabengasse, Schmale Gasse, Kleine und Große Gasse werden heute als Gassenquartier bezeichnet und gehören zu dem ältesten Teil Dagersheims. So befinden sich hier viele jahrhundertealte, denkmalgeschützte und erhaltenswerte Gebäude, wie beispielsweise in der Schmalen Gasse 2 eins der ältesten Fachwerkhäuser Dagersheims aus dem 16. Jahrhundert.

Doch wie steht es heute um den historischen Ortskern Dagersheims?

Nicht zuletzt in den sechziger und siebziger Jahren wurden meist für den Straßenbau flächenhaft Gebäude abgebrochen. So wurden alleine im Ortskern 10 Häuser abgerissen und der „Gassenbogen“ Grabengasse-Schulstraße durch die neue Aidlinger Straße ersetzt. Man spricht hier heute vom Grabendreieck, dem, was von dem einstigen „Gassenbogen“ noch übrig ist. Von den einst schmalen Gassen ist hier, zwischen neuen, breiten und dominierenden Autostraßen, nur noch wenig zu erkennen. Auch für den „Eichbau“ zwischen Grabengasse und Schmaler Gasse wurden historische Häuser abgerissen. Aus heutiger Sicht ein schmerzlicher Fehler. In den letzten Jahren ging es vereinzelt weiter und so fielen weitere Häuser und einst denkmalgeschützte Scheunen in der Großen und der Schmalen Gasse Neubauten zum Opfer. Unter den noch verbliebenen Häusern und einstigen Scheuern findet sich zum Glück noch das ein oder andere Fachwerkhaus, manchmal unter Eternit Fassadenplatten versteckt.

Chance Sanierungsgebiet

Mit dem vor zwei Jahren ausgerufenen Sanierungsgebiet Gassenquartier bietet sich nun wieder eine neue Chance. Mit 900.000 Euro gestartet und nun um weitere 1,3 Millionen Euro aufgestockt, steht Geld zur Verfügung, um die privaten Hausbesitzer, die ihre versteckten Schmuckstücke gebührend sanieren wollen bei der Sanierung zu unterstützen. Aber auch die Stadt und die kommunalen Baugesellschaften können und müssen mit dem nun zur Verfügung stehenden Mitteln aktiv werden, um das Quartier aufzuwerten. Wie eine Sanierung gelingt, zeigt eindrucksvoll unsere Zehntscheuer oder das Gasthaus „Hirsch“.

Es braucht Mut

Was bringt das schönste sanierte Fachwerkhaus, wenn es zwischen zwei Autostraßen eingekeilt ist und an einem beliebten Schleichweg liegt? Ist das Lebensqualität? Gehören die Gassen nicht den Anwohnern? Die Politik braucht Mut, um die Gassen als Schleichweg für Autos zu sperren. Es braucht Mut, um die Schulstraße in einen verkehrsberuhigten Bereich zu verwandeln und somit die Gassen aus dem künstlichen Keil zwischen den Autostraßen zu befreien, die Hauptstraße und die große Kreuzung zu verändern und für die Menschen lebenswerter zu gestalten. Wir können nicht die Zeit zurückdrehen, aber wir können unseren historischen Kern, das Gassenquartier, wieder zu einer lebenswerten Ortsmitte machen.

Ich werbe dafür, dass Dagersheim diese Chance ergreift. Falls Sie selbst Anregungen haben, freue ich mich über eine Mail (Tim.Goehner@remove-this.Stadtrat-Boeblingen.de). Einen Vergleich zwischen der historischen und der heutigen Bebauung finden Sie unter https://gruenlink.de/1rm4.

Tim Göhner
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Kategorie

Gemeinderat Ortschaftsrat